Der Ort, wo dieser Grundsatz praktiziert wird, ist die GasserSchule am Bodensee. Sie arbeitet nach dem Motto:
GasserSchule - Vitalität macht Schule.
Verweigerer verweigern aus gutem Grund. Ihre Verweigerung macht Sinn. Doch welches ist der gunstgebende Sinn? Dass sie verweigern, das gereicht ihrer Leistung zum Nachteil. Dass sie durch Verweigerung ihre Lebensnähe schützen, das ist ihre Grösse, - eine Grösse, die demjenigen verborgen ist, der nur auf Leistung und Verhalten schaut.
Kinder und Jugendliche verweigern nicht "einfach so", quasi aus heiter hellem Himmel und ohne dass es einen begreiflichen Anlass gäbe. Ist denn Verweigerung nicht einfach eine Zeichen von Faulheit? Ist Lernverweigerung nicht der Unwille zur Kooperation? Ist Schulverweigerung nicht ein Zeichen von fehlender Weitsicht? Ist Verweigerung von Leistung nicht doch das Zeichen, dass ein Mangel an Realitätsnähe herrscht, denn "im Leben" müsse man sich auch mal zusammenreissen können. Wer das nicht schaffe, der verschwende Lebenschancen, so meint der Leistungsscheffler, der die Leistung und ihre Resultate auf den Scheffel stellt.
Es stimmt, Verweigerer haben etwas mit Lebendigkeit zu tun, mit Rückweisung von Einflüssen, die die Chancen des Lebens mindern. Doch ist dies nicht in jenem Sinne gültig, wie der Leistungsscheffler meint. Der Scheffler ist überzeugt, dass, wer die Leistung erbringe auch Erfolg habe. Dass Leistung und Erfolg gut zusammenpassen können ist treffend. Doch das kritische Moment der scheffelnden Haltung liegt im Preis für den Erfolg. Wenn die Leistung als Folge hat, dass die Lust an Leistung verschwindet, so ist der Preis zu hoch. Erfolg wird bezahlt mit dem Verlust der Lust auf Leistung. Das sind zu hohe Kosten und schaffen innere Abneigung.
Der Vitalitätshüter hingegen arbeitet mit der Gegenposition. Er weiss, dass Kinder und Jugendliche gar nicht in der Lage sind, Lernen und Aktivitäten zu verweigern. Sie brennen auf Erforschung, sie suchen das Neue, sie wollen sich vertraut machen mit der Welt und der Entwicklung, jeden Tag, Stunde für Stunde, Monat für Monat.
Was ist es denn, das die Verweigerung hervorruft? Was ist es, dass die Kinder und Jugendlichen dazu bringt, lieber den schulischen Fortschritt zu opfern, als die Verweigerung aufzugeben. Die Antwort liegt auf der Ebene der Vitalität. Verweigerer schützen den Fluss der Vitalität. Vitalität ist die ursprüngliche Kraft des Lebens, die stets vorhanden ist und sich bedingungslos zur Verfügung stellt. Zwang, Druck undAbwertung sind das Gegenteil von Flow und dessen Vitalität.
Wenn auf Verweigerer Druck ausgeübt wird, so spüren sie, wie ihre innere aktive und befreiende Entfaltung ins Stocken kommt. Wenn sie geschimpft oder verurteilt werden, so merken sie, wie dies ihre ganze Persönlichkeit klein macht, und sie wehren sich gegen dieses Klein-gemacht-werden. Wenn die Initiativen, die sie in die Welt setzen, in harter Weise und rücksichtslos abgebremst werden, so spüren sie, wie ihre Kreativität erlahmt, und gegen diese Abtötung wehren sie sich.
Nach einiger Zeit äussert sich diese Auflehnung gegen den Vitalitätsverlust als Verweigerung von Aktivitäten, als Verweigerung von Leistung, als Verweigerung von Lernen, oft sogar als Verweigerung von sinnvoller Kooperation oder schliesslich als Verweigerung von Kooperation-überhaupt. Ihre Verweigerung ist immer auch ein Ruf. Es ist ein Ruf darnach, endlich jene Förderung zu erfahren, die den Lebensfluss begleitet und nicht verhindert. Ein Ruf nach Unterstützung, welche versteht und öffnet, statt verbietet und verschliesst.
Diesen Ruf nimmt die Ressourcive Pädagogik ernst und hat die methodischen und philosophischen Grundlagen erarbeitet, die für eine Pädagogik des Flow und des Bewusstseins nötig sind. Das ressourcive Vorgehen richtet Methoden, Deutungen und Interventionen darauf aus, dass Vitalität sich ausbreiten kann, damit die Basis allen Lebens, aller Innovation und aller Leistung aufrecht erhalten bleibt.
Die GasserSchule ist die konkrete Umsetzung dieser Pädagogik und Philosophie und bietet einen Ort und eine Lehr-/Lernorganisation an, wo Verweigerer wieder zurück zur Lebenslust finden, oder besser gesagt, wo ihr Fluss der Vitalität (der Flow) wieder einfliesst in ihr eigenes Denken, in ihr persönliches Fühlen und in ihr Tun.
Dieses pädagogische Prinzip nennt sich das Flow-in Vorgehen das nicht nur die didaktisch-methodischen Aspekte einbezieht, sondern auch den gegenseitigen, kommunikativen Austausch. Die Flow-Kommunikation ist ein Bündel von Methoden und Strategien, die diese Begleitung ermöglichen, und die Praxis der Ressourcierung ist der nährende Bestandteil von Flow und Lebensbewusstsein. Ressourcieren heisst "mit günstiger Umgebung versehen", heisst dem Favoriten das geben, was er und seine Vitalität brauchen. Es heisst, nicht auf das Verhalten schauen, sondern auf das, woraus alles Handeln entsteht. Nicht die Handlung steht im Zentrum, sondern der Ursprung (Ressource) der Handlung.
Das Flow-in Prinzip, die Förderung der Lebenslust und Ressourcierung bilden zusammen die tragenden Pfeiler der Ressourcive Pädagogik.